Ein Blick in den gut gefüllten Vorlesungssaal der Fachhochschule Lübeck am gestrigen Abend (03.04.2015) ließ vermuten, dass das Thema nicht nur bei internationalen Wirtschaftsfachleuten aktuell und von besonderem Interesse ist. Schließlich geht es um Geld, und zwar um sehr viel Geld.
Rund 200 Gäste, Schüler_innen, Studierende, Wirtschafts- und Wissenschaftsvertretungen sowie zahlreiche Lübecker Privatpersonen ließen sich von den beiden Diskutanten über Ursachen und Wirkungen der Krise sowie über persönliche Einschätzungen zu vermeintlichen Lösungsansätzen informieren.
Zur Einstimmung auf die Thematik präsentierte Dierks die Chronologie der Ereignisse bzw. der Krise, lieferte Zahlen zur Wirtschaftssituation Griechenlands sowie die gängigen und zurzeit heiß diskutierten Lösungskonzepte, so u.a. die sog. Sambia-Optionen (gemeint ist damit eine Bündelung der Kreditrückzahlung. Sambia hatte vor einigen Jahren eine solche Bündelung von Kreditrückzahlungen an den IWF erwirkt), die mögliche Einführung einer neuen Währung in Griechenland oder das (temporäre) Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion. Die Stichworte dazu sind "Graccident" oder "Grexit". Er machte damit vor Beginn der Diskussion deutlich, dass eine Lösung der Finanzkrise Griechenlands ein sehr komplexes Unterfangen ist, und deshalb auch die Berichterstattung derart dominiert.
Dierks: "Alleine mit dem Verdeutlichen der Ursachen der Krise ließe sich der Abend ohne weiteres füllen. Doch das ist nicht das Ziel des heutigen Abends, weshalb wir uns auf einige wenige Meilensteine beschränken und viel mehr Lösungen diskutieren wollen als nach den Gründen suchen."
Bei der Suche nach möglichen Lösungen geht es nach Aussagen der Experten konkret um die Frage: Woher soll das Geld zur Begleichung der griechischen Schulden kommen? Naheliegend wäre nach Expertenmeinung der Gedanke eines robusten Wirtschaftswachstums anhand dessen sich Griechenland selber aus der Misere befreien könnte. Das Problem dabei jedoch sind die stagnierenden oder rückläufigen Entwicklungen. Nach Maßgabe aktueller Zahlen steckt Griechenland unverändert in der Rezession. Griechenland lebt sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Alleine die Aussage, dass fällige Kredite nur dann zurückgezahlt werden können, wenn neue Mittel bereitgestellt werden, zeigt, wie brisant die Lage mittlerweile ist. Es kann unter Umständen bedeuten, dass sich die bis heute beschlossenen zwei Rettungspakete unter Federführung der Eurogruppe und des IFW als unzureichend erweisen.
Bis Ende 2014 belief sich der Schuldenstand Griechenlands auf €317Mrd.; das entspricht knapp 177% des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit ist Griechenland neben Japan eine der am höchsten verschuldeten Industrienationen. Allerdings ist bei dieser Betrachtung Vorsicht geboten: zahlreiche Finanzdienstleister betrachten Griechenland nur noch als Schwellenland, so die beiden Wirtschaftswissenschaftler.
Beide Diskutanten gingen ausführlich auf die zahlreichen Fragen aus dem Auditorium ein, die sich im Wesentlichen um die möglichen Szenarien eines Quo Vadis, Hellas? und den möglichen Auswirkungen drehten. Besonders intensiv wurden die Szenarien eines "Grexit" mit daraus folgenden Abschreibungen der Schulden und die Auswirkungen eines dritten (oder auch vierten) Rettungspaketes diskutiert, die mit Befürchtungen einer Faß-ohne-Boden-Dauersituation in Griechenland gesehen werden.
In der Diskussion konnten die Experten die Komplexität der Krise klar verdeutlichen und haben die Vor- und Nachteile einzelner Lösungsansätze ohne Wertungen beschreiben können. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Hauptverantwortlichen in Griechenland, der EU und IWF verständigen werden und zu welchen Mechanismen bzw. Reformen gegriffen wird, um dieser langwierigen Krise beizukommen ohne große Blessuren aller Beteiligten.