Goll freute sich, dass das Seehaus nun mit der Schwestereinrichtung im Kloster Frauental bei Creglingen gleichziehen konnte und beide baden-württembergischen Einrichtungen des Jugendstrafvollzuges in freien Formen sich als Orte im Land der Ideen bezeichnen dürfen. Vor rund fünf Jahren wurde im Südwesten das bundesweit beachtete und bis heute einmalige "Projekt Chance" initiiert. "´Projekt Chance´ ist eine moderne Form des Jugendstrafvollzugs außerhalb von Gefängnismauern. Insgesamt 30 geeignet erscheinenden jungen Strafgefangenen geben wir die Chance auf einen echten Neuanfang nach der Haft. Sie lernen über ein Jahr hinweg, Regeln einzuhalten und Werte zu achten. Sie üben sich in gegenseitiger Rücksichtnahme und sozialer Verantwortung. Sie werden sinnvoll beschäftigt und sie bekommen die Chance auf eine Schul- oder Berufsausbildung. Sie erfahren - manche zum ersten Mal - Anerkennung und so etwas wie Heimat", erklärte Goll. Wer sich nicht an die strengen Regeln und den straffen Tagesplan halte, müsse zurück in die geschlossene Haftanstalt. Die Erfahrungen seien überwiegend positiv. "Die meisten Jugendlichen haben ihre Chance genutzt und sind bislang nicht mehr straffällig geworden", so der Justizminister.
Goll wies in seiner Festrede darauf hin, dass mit der Auszeichnung auch die Verwirklichung einer Vision gewürdigt wurde. Eine Vision, auf die der Geschäftsführer und Leiter des Jugendhof Seehaus, Tobias Merckle, seit langem konsequent hingearbeitet habe, so der Minister. Merckle eignete sich in der Universität Lüneburg ein solides Wissen über die soziale Arbeit mit Straffälligen an. Schon damals legte er in der Devianzpädagogik einen theoretischen und in der Straffälligenarbeit einen praktischen Schwerpunkt. Während des Studiums leistete er im In- und Ausland überdurchschnittlich viele Praktika in entsprechenden Einrichtungen ab. Mit einer, so Goll, "bemerkenswerten" Diplomarbeit über Wiedergutmachung als Rechtsfolge schloss er sein Studium erfolgreich ab. Merckle arbeitete später drei Jahre bei "Prison Fellowship International" und lernte von Washington aus praktisch in der ganzen Welt Projekte kennen und betreute sie. Besonders interessierte ihn dabei eine auf christlicher Grundlage arbeitende Straffälligenhilfe. "Als ich Herrn Merckle Ende der neunziger Jahre kennengelernt habe, imponierte mir seine Kreativität und Begeisterungsfähigkeit, mit der er mir von seinen Plänen berichtete", erinnerte sich der Justizminister. "Als wir dann das Projekt Chance umsetzten, war es mir eine große Freude, dass es gelang, mit Hilfe der Landesstiftung Baden-Württemberg zwei Einrichtungen des Jugendstrafvollzuges in freien Formen aufzubauen und Herrn Merckle berücksichtigen zu können", betonte Goll. Der Minister dankte auch den Bürgerinnen und Bürgern von Leonberg, an der Spitze ihrem Oberbürgermeister Bernhard Schuler und den Vertretern des Gemeinderats. "Ich weiß, dass solche Einrichtungen nicht überall und nicht sogleich willkommen sind. Aber dank des Einsatzes der Leonberger konnte sich das Seehaus etablieren und ist mittlerweile akzeptiert. Es passt gut zusammen, dass hier ein zukunftsweisendes Modell entstanden ist, und die Stadt Leonberg mit dem Motto ´Leonberg ist Zukunft´ wirbt", so Goll.
Im baden-württembergischen Jugendstrafvollzugsgesetz, das seit dem 1. August 2007 gilt, wurde auch der Jugendstrafvollzug in freien Formen gesetzlich verankert. "Dies sichert den Standort Leonberg für den Jugendstrafvollzug in freien Formen und das Projekt Chance selbst ab", erläuterte Goll. Nach der gesetzlichen Absicherung werde nun daran gearbeitet, die beiden Projekte auch dauerhaft im Haushalt abzusichern. "Die Arbeit im Jugendhof Seehaus und im Kloster Frauental in Creglingen dient der inneren Sicherheit im Land, dem Rechtsfrieden und der Integration junger Menschen in Staat und Gesellschaft. Es ist eine Arbeit, die uns etwas wert sein darf", schloss Goll.