Das ist das ernüchternde Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund unter ihren mehr als 80.000 aktiven Mitgliedern. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Marburger Bundes, Dr. Frank Ulrich Montgomery, steht Deutschland demnach vor einer dramatischen Verschärfung der Ärzteflucht und einem ernsthaften Ärztemangel. Zu befürchten sei deshalb ein gefährlicher Einbruch bei der Versorgungsqualität. „Deutschlands Krankenhausarbeitgeber missachten tagtäglich die strengen Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes und brechen gezielt Tarifrecht“, so Montgomery. Hauptleidtragende seien neben den Medizinern insbesondere die Patienten, die weiterhin von vollkommen überlasteten und überarbeiteten Ärzten behandelt würden.
Der Umfrage zufolge werden in rund 60% der deutschen Kliniken die tariflich und gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeitgrenzen der Ärzte nicht eingehalten. So müssen knapp 80% der Mediziner 50 bis 80 Wochenstunden arbeiten. 1% der Ärzte – bundesweit sind das rund 1.300 – sind sogar 80 und mehr Stunden pro Woche beschäftigt. Gleichzeitig wird bei jedem zweiten Krankenhausarzt die Arbeitszeit nicht systematisch erfasst. Montgomery: „Patienten und Ärzte gefährdende Marathondienste werden von den Arbeitgebern in sträflicher Verantwortungslosigkeit abverlangt.“
Zudem werden die Klinikmediziner angehalten, mehr Bereitschaftsdienste zu leisten als das Arbeitszeitgesetz erlaubt. So müssen laut Umfrage 39% der Ärzte monatlich fünf bis neun solcher Dienste leisten. Davon sind insbesondere die jüngeren Assistenz- und Fachärzte mit jeweils 45% betroffen. Unzumutbar ist nach Angaben der Ärztegewerkschaft auch der Überstundenberg der Mediziner. So leisten die rund 131.000 Klinikärzte in Deutschland rund 56,6 Millionen Überstunden, von denen sie jedoch nur 10% vollständig bezahlt bekommen. Auf dem Buckel der Klinikärzte werde somit das deutsche Gesundheitssystem mit weit über 1 Milliarde Euro jährlich subventioniert, klagte Montgomery.
Ärzte in ostdeutschen Krankenhäusern sind von miserablen Arbeitsbedingungen deutlich stärker betroffen als ihre westdeutschen Kollegen. Sie müssen für weniger Geld signifikant mehr arbeiten. Während 39% der westdeutschen Klinikärzte wöchentlich zwischen 60 und 69 Stunden arbeiten, sind dies im Osten 45% der Mediziner. Gleichzeitig geben 70% der Ärzte in den neuen Bundesländern an, dass ihre Überstunden nicht vollständig vergütet werden, während dies in Westdeutschland 60% der Mediziner beklagen.
Eine im Ansatz bessere Arbeitssituation ist in den Krankenhäusern zu erkennen, die arztspezifische Tarifverträge des Marburger Bundes anbieten. Rund 60% aller Ärzte werden von einem solchen Tarifvertrag erfasst. In diesen Kliniken werden Höchstarbeitszeitgrenzen mit 42% eher eingehalten als in Häusern ohne MB-Tarifvertrag (39%). Auch bei der Arbeitszeiterfassung schneiden Kliniken mit MB-Tarifvertrag geringfügig besser ab. So geben 44% dieser Ärzte an, dass ihre Arbeitszeiten nicht erfasst werden, während dies 56% der Ärzte in den übrigen Krankenhäusern sagen. Hier beginnt der Arzt-Tarifvertrag zu greifen.
Am meisten stören die Mediziner laut Umfrage die Arbeitsüberlastung und der Personalmangel (39%), die zunehmenden arztfremden bürokratischen Tätigkeiten (22%) und die schlechte Einkommenssituation (19%). Immer weniger Ärzte sind jedoch bereit, diese Arbeitsbedingungen zu ertragen. 53% erwägen nämlich ihren Job in der Klinik aufzugeben und ganze 31% würden den Arztberuf nicht ein zweites Mal ergreifen. Montgomery: „Arbeitgeberwillkür, der Bruch des Arbeitszeitgesetzes und die systematische Missachtung der Tarifverträge haben den Arztberuf mehr denn je vom Traumjob zum Jobtrauma werden lassen.“
Alle Infos zur Umfrage auf der Marburger-Bund-Homepage: www.marburger-bund.de